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Friday, November 6, 2009

Realsatire vom Feinsten oder Schweinchen im Himmel



Besser, ne?

Bevor wir das Thema abschliessen, moechte ich noch Folgendes ansprechen. Ich kann einfach nicht anders.

Vor 4 Jahren war ich in Deutschland. Muttern und ich sassen morgens zusammen an ihrem Esstisch. (Ihr Mann mit seinen Zigaretten und seiner Bild-Zeitung war ausnahmsweise noch im Bett.)

Und sie erzaehlte mir von einem Kollegen ihres Mannes. Einem FRUEHEREN Kollegen. Denn... der Kollege war nicht mehr. Er hatte sich in den Himmel verabschiedet. Was Muttern sich nicht erklaeren konnte. Denn... der Kollege hatte doch immer so gesund ausgesehen: Er war drall und prall und hatte was auf den Knochen, und ... jetzt kommt's ... ein RUNDES, ROSIGES Gesicht. Er war ... O-Ton von Muttern - "das bluehende Leben". Er sah - wieder O-Ton von Muttern - aus "wie EIN GLUECKSSCHWEINCHEN"! Er hatte was auf den Knochen, JA DOCH, und so einen GESUNDEN ROSIGEN TEINT. Im Gesicht. In seinem FUELLIGEN, ROSIGEN... GESICHT.

Und dann passierte es, fuhr Muttern ratlos fort: Dieser Mensch, der so drall, prall, rosig, und fuellig war.... dieses BLUEHENDE LEBEN, dieses BILD DER GESUNDHEIT... fiel eines Tages tot vornueber. Mit dem rotbaeckigen Gesicht nach vorne auf den Boden geklatscht.

An einer Herzattacke.

Tja. Muttern (5 Jahre alt zu Kriegszeiten) konnte sich das UEBERHAUPT nicht erklaeren. Sie war vollkommen ratlos ueber solche UNGERECHTIGKEIT.

Ich fragte Muttern, ob sie schon jemals was von ungesund hohem Blutdruck gehoert haette. Der sich normalerweise in draller, rosiger, und gluecksschweinchenhafter "GESUNDHEIT" manifestiert. Und erntete nichts als einen leeren Blick. Gefolgt von einer bloeden Bemerkung ueber meinen duemmlichen Magerwahn. Aber auch.

Zwickt's mi.

Verhaermte Gruesse,
hsm

Rote Baeckchen: Weg damit!

Wer mir nicht glaubt, soll einfach mal unter Google.com "red cheeks" googeln. Man wird sehr schnell bemerken, dass die ach-so-gesunden roten Baeckchen eben ausserhalb von Deutschland *nicht* als anstrebenswert gelten, sondern - im Gegenteil - nicht nur als unattraktiv angesehen werden (zu Recht), sondern auch Indiz fuer alle moeglichen Gesundheitsprobleme sind.

Uebrigens: Man stelle sich das kleine Maedchen auf der Rotbaeckchen-Flasche mal ohne diese zwei haesslichen roten Flecken im Gesicht vor. Wenn man denn so viel Fantasie hat. Dann kommt man zu dem Ergebnis, dass das ohne diese Verunstaltung ein wirklich huebsches Kind sein koennte. Sieht ein bischen so aus wie ich in juengeren Jahren von den Gesichtszuegen her.

Humor ist wenn man trotzdem lacht

Also. Wenn man nach meinem Hoehensonne Beispiel (Post von gestern abend) gehen kann, darf man davon ausgehen, dass noch kein Deutscher ungestraft mit BLASS-SEIN davon gekommen ist. Bestenfalls musste er als Kind kuebelweise "Rotbaeckchen" trinken, schlimmstenfalls wurde er von den netten Maennern in brauner Uniform abgefuehrt. (War das jetzt wieder eine verkrampft-humorige Formulierung? Entschuldigen Sie bitte! :-OO)

Das mit Vattern und seiner Hoehensonne war jetzt allerdings ein Extrembeispiel meiner persoenlichen "Blass"-Leiden. Es gab auch noch andere Vorfaelle. Nehmen wir mal meine Deutschlehrerin in der 8. Klasse. Fraeulein Mannheim. Vor der musste ich mich regelmaessig verstecken, denn wenn ich die mal ausserhalb des Klassenzimmers traf, wusste ich schon, was mir bluehte: Warum ich so klein, duenn, und BLASS sei. Ob ich krank sei. Ich sollte mal meinen Eltern ausrichten, dass sie mal mit mir zum Arzt gehen und mich von Kopf bis Fuss untersuchen lassen sollten. Was ich natuerlich nicht tat. Wenige Jahre spaeter fing dann uebrigens meine lebenslange Hypochondie an - grosse Ueberraschung, das.)

Fast-forward to 1987. Ich lebte als junge Erwachsene schon mehrere Jahre in Amerika, und hatte die Blass-Geschichten vollkommen vergessen. Hierzulande hoert man das naemlich nicht, es wird vielmehr unausgesprochen akzeptiert, dass Menschen in jedem Teint kommen, und dass ein heller Teint nichts mit "Krankheit" zu tun hat. Fuer mich war das Ganze also schon jahrelang kein Thema mehr. Bis ich mich mit einer deutschen Nachbarin anfreundete (:-OO). Wir hatten beide Kinder im Kleinkinderalter, und wohnten in der selben Wohnungsanlage. Ihr Mann war in der Armee, mein Ex-Mann war in der Armee gewesen. Vor so vielen Gemeinsamkeiten kann man sich ja gar nicht mehr retten. Dass wir beide deutsch waren, war nur noch das Sahnehaeubchen.

An einem Sonntag fuhren wir gemeinsam auf einen Spielplatz. Da war so ein Ding, wo man raufklettern konnte (echt? auf einem Spielplatz??), und dann ein Kleinkind eine Rutsche runterschubsen konnte. Auf dem Ding stand die Dame gerade mit ihrem 2-jaehrigen Sohnemann drauf. Ich stand gerade aus irgendeinem Grund am anderen Ende des Spielplatzes, meine Kinder spielten irgendwo in der Naehe, und ich guckte zufaellig in die Richtung der Dame auf der Rutsche. Irgendwo muss man ja hingucken. Ja, ich haette auch auf meine Kinder gucken koennen, oder auf den Parkplatz, oder in den Himmel, aber gut.

Ploetzlich bruellt diese Dame mir vollkommen unprovoziert UEBER DEN GANZEN SPIELPLATZ HINWEG von dem Ding herunter mit Top-Lautstaerke zu: "DU BIST *SO BLASS*!!!!!!!!!!!!!!!! WARUM *BIST DU SO BLASS*!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!".

Zum Glueck auf Deutsch. Wenigstens hat's damit sonst niemand verstanden. War auch so schon entwuerdigend genug.

Ich vor Schrecken fast aus den Latschen gekippt. Dachte wirklich, ich haette nicht richtig gehoert. Vor Schock frage ich bloederweise "wie bitte?". Und sie natuerlich noch mal mit dem Megaphon: "DU!!!!! BIST!!!!!! SO!!!!!!! *BLASS*!!!!!!!!!!!!!!!!!! Und mich wohlwollend-erwartend angeguckt. Ich habe nichts gesagt, Hildegard. Denn ich war sprachlos.

Das war das einzige Mal, dass mir jemand in Amerika gesagt hat, ich waere zu blass. In all den Jahren davor und danach. Habe ich erwaehnt, dass die Dame Deutsche war?

Thursday, November 5, 2009

Höhensonne für rote Bäckchen





Rote Baeckchen. Der Traum eines jeden Deutschen. Ein Symbol draller, praller Gesundheit. Dieses Produkt wuerde hierzulande bestenfalls als rassistisch angesehen werden, schlimmstenfalls als Nazi Propaganda. Aber rote Baeckchen sind in Deutschland kein Zeichen fuer hohen Blutdruck oder aehnliches (WIE kann so ein kleines Kind schon Hitzewallungen haben??). Nein. Rote Baeckchen sind fuer Deutsche ein Indiz draller, praller Gesundheit. Nun denn.

Als Kind hatte ich keine roten Baeckchen. Nie. Das hat meinen Erwachsenen viel Kummer bereitet. Ich war naemlich eher ein bischen.... wie kann man das jetzt diskret ausdruecken... also. *tieflufthol* Aehem. Ich war naemlich und bin immer noch ... nein, nicht schlicht mit einem hellen Teint gesegnet. Sondern... wie kann man das jetzt VORSICHTIG und BEHUTSAM herueberbringen? Ich will ja schliesslich niemanden traumatisieren. Ich war naemlich - aufgepasst, wer empfindlich ist, liest besser nicht weiter.... ich war *schaem* ... BLASS. Ja. Ich bin ein Betroffener. Ich gebe es zu. Ich war und bin mit 50 immer noch.... BLASS. Bitte bemitleden Sie mich nicht. Ich komme inzwischen ganz gut mit diesem HANDICAP zurecht. Aber als Kind hatte ich die entsprechende Reife noch nicht.

Als ich 12 war, verbrachte ich mit meinem Vater, einigen seiner Kollegen, und deren Kindern eine Woche auf einer Skihuette in Frankreich. Langweilig, ne? Moment. Der dicke Hund, der Rattenschwanz, kommt noch. Ich hatte mich naemlich gefreut auf diesen Urlaub, in meiner kindlichen Unschuld nicht ahnend, dass ich als BLASSES DEUTSCHES KIND nie und nimmer mit dieser unschuldigen Freude davonkommen wuerde.

Es lag ganz viel Schnee. Wirklich toller Schnee. Ganz tief. Wir waren viele Kinder. So zwischen 7 (*winke an Walterchen, der mal den Rand vom Hut seiner Oma abgeschnitten hat, und bei Mensch-Aergere-Dich-Nicht immer einen Wutanfall bekam, der war so cool*^^) und 14 Jahren (diese zwei Buben waren mir eine Nummer zu gross). Und wir fuhren neben Ski auch Schlitten, oder rasten einfach mal in Plastikschuesseln den Berg an der Skihuette herunter. Die Sonne schien eigentlich immer, und wir hatten viel Spass im Freien.

Eines Tages war aber Schluss mit lustig. Zumindest fuer meine Wenigkeit. Vattern holte mich vom Schlitten, und fuehrte mich in eine Scheune, die zur Huette gehoerte. Warum? Um mir mit einer Peitsche den Hintern zu versohlen? Um mich auf sonst eine Art zu misshandeln (er war lange single gewesen, armer Kerl)?. Also die dreckige Fantasie darf man ruhig wegstecken. Denn die Realitaet war viel tragischer als all so was. Als wir schliesslich zu zweit in dem Schuppen standen, produzierte Vattern naemlich aus dem ganzen Geruempel da drin.... *trommelwirbel* EINE HOEHENSONNE. Ich sollte - IM SCHUPPEN - eine Zeitlang vor der Hoehensonne sitzen (einen Stecker gab es leider auch in dem Schuppen).

Warum? WARUM???

IST DAS NICHT KLAR WIE DIE SONNE, DIE DORT DRAUSSEN SCHIEN???

Natuerlich war die Hoehensonne notwendig ... DAMIT ICH EIN BISCHEN FARBE BEKOMMEN WUEERDE!

Damit ich nicht.... SO BLASS ... aus dem Urlaub nach Hause kommen wuerde.

Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Ich wurde aus der ECHTEN SONNE entfernt, um KUENSTLICHE FARBE anzunehmen. Von einer Hoehensonne. Elektisch. In einem Schuppen. Damit ich nicht BLASS aus dem Urlaub zurueckkomme.

Waehrend also die anderen Kinder draussen tobten und spielten - IN DER SONNE - musste ich in einem Schuppen voll Geruempel sitzen, und so ein elektrisches Ding anstarren. Kinn hoch, hat Vattern angeordnet. Damit DIE BRAEUNE auch gleichmaessig wird.

Nach einer halben Stunde oder einer Stunde kam Vattern in den Schuppen, und stellte seine zerschmetternde Diagnose: NEIIIIIIIIN!! Ich bin ja IMMER NOCH ZU BLASS!! Also noch mal eine halbe Stunde, und diesmal den Kopf SO halten, und nicht SO! Verdammt noch mal. Warum kann ich das nicht kapieren?? Wenn das Kind BLASS aus dem Urlaub zurueckkommt, dann denken die zu Hause womoeglich noch, ES HAETTE GAR KEINE SONNE UND FRISCHE LUFT ABBEKOMMEN. Also sass ich noch eine weitere halbe Stunde vor dem Ding ab. Waehrend die anderen Kinder draussen die echte Sonne aufsaugten. Es ist jetzt nicht so, als ob ich total beraubt gewesen waere. Ich konnte durchaus die anderen Kinder vor dem Schuppen in der Sonne lachen und jubeln hoeren beim Schlittenfahren, bekam ihren Spass also mit, wenn auch nur zweiterhand.

Ich bedanke mich ganz herzlich bei denen, die mich an diese Story erinnert haben. Denn ich glaube nicht, dass sich meine Gesichtsfarbe in absehbarer Zeit veraendern wird, und irgendwie muss ich mit dieser Tragoedie leben und zurechtkommen.

Herzliche Gruesse aus dem novembrigen New York,
hsm