Ich habe Vatterns Zeitungstrulla davon berichtet, wie ich Sohn von der Schule abgeholt habe. Das war mein grosses 9/11 Erlebnis gewesen.
Nachdem ich endlich an der Schule durchgekommen war am Telefon, haben die mir gesagt, die Schule waere "auf Lockdown", und keiner duerfte weg. Ach was. Das werden wir doch mal sehen. Ich habe Sohn gesagt, ich komme. Irgendwie komme ich dahin. Irgendwie. Warte. Ich komme.
Ein Taxi konnte man natuerlich nicht bekommen. Aber ich habe das Glueck, dass direkt nebenan von mir ein Fahrdienst ist. Der ist mir schon mehrmals zugunsten gekommen. Z. B. als ich letztes Jahr meine alte, todkranke Katze zum Einschlaefern zum Tierarzt bringen musste. (9. Oktober 2010). Und als ich an einem Sonntag Abend nicht mehr das Gleichgewicht halten konnte, und mein rechtes Auge total schief war (6. Maerz 2011). Und ich schnellstens ins Krankenhaus musste. Aber gut, das war alles ca. 10 Jahre spaeter. Jetzt reden wir vom 11. Sept. 2001.
Ich bin da also schnellstens hin zu dem Fahrdienst, und habe denen gesagt, ich muss schnellstens downtown. Die haben gesagt, das geht nicht. Denn es bewegt sich gerade alles UPTOWN, weg vom Ort des Terroristenanschlags. Und man wuerde da nicht durchkommen. Ich habe einem Fahrer gesagt, ich bezahle ihm 80 Dollar, wenn er es wenigstens versucht. (Normalerweise ist so eine Entfernung ca. 20 Dollar.) Ob ich ihm einen Scheck schreiben koennte. Ausnahmsweise. Denn normalerweise nehmen die nur Bargeld. Und der hat Geld gerochen und.... zugestimmt. Wir also ganz langsam - gegen den Strom - uns vom Norden Manhattans zum Sueden Manhattans bewegt. Der Fahrer hat die ganzen Leute, die am Strassenrand gewinkt haben, ignoriert. Geld spricht seine ganz eigene Sprache. Tja.
Ich habe ihm dauernd gesagt, wenn er nur ans Times Square kommt, nur ans Times Square (dort war es bekanntlicherweise ziemlich schwer, durchzukommen.) Die restlichen 40 oder 50 Blocks koennte ich schnell rennen, Sohn holen, und zusammen koennten wir dann wieder zurueck rennen ans Taxi. Wenn er nur am Times Squaere warten wuerde. Bitte? Bitte! 80 Dollar. Bitte.
Wir kamen ans Times Square. Wir waren mitten in Manhattan. Menschenmengen standen ueberall herum und haben verzweifelt gewinkt. Ob er dahin oder dorthin zufaellig fahren wuerde. Es war immer in die entgegensetzte Richtung. Uptown. Fahrer, wohl die 80 Dollar im Hinterkopf, hat immer abgewinkt. Nein. Leider nein. Polizisten hatten teilweise abgesperrt und uns umgeleitet. Ich immer "wenn wir nicht weitekommen, koennen Sie auch gerne hier halt machen. Aber warten. Bitte warten. Ich werde vom Times Square an die Canal Street rennen, und meinen Sohn von der Schule abholen. Wenn Sie nur warten." Er hat gesagt, er wuerde warten, wenn er nicht mehr durchkaeme. 80 Dollar. Hallo!
Wundersamerweise kam er dann durch. (80 Dollar?) Als wir die weissen Staubwolken vor uns sahen, wusste ich, dass wir es geschafft hatten. Wir waren entgegen allem Verkehr und entgegen jeder Logik im Sueden Manhattans. Irgendwie (80 Dollar?)
Der Fahrer machte vor der Schule halt. Direkt vor der Schule. (80 Dollar sind fuer einen afrikanischen Immigranten keine Peanuts. Fuer mich auch nicht, aber darauf kam es in dem Moment nicht an.) Ich rannte die Treppen hoch. Die Schule hat mich ohne Brimborium reingelassen, ohne meinen Ausweis zu ueberpruefen, was fuer die sehr ungewoehnich war. Ausnahmesituation halt. Es herrschte ein weisser Nebel. Durch die Fensterritzen hindurchgekommen.
Sohn wartete auf mich im Lobby der Schule. Ich fiel ihm heulend um den Hals. Dann habe ich gesagt "ich habe ein Taxi. Es wartet da unten." Andere Herumstehende konnten das irgendwie nicht fassen. Wie ich das geschafft habe? Ein Taxi unter diesen Umstaenden? Ja, wie denn? Mit Geld bestochen, wie denn sonst? Ach, die haben kein Geld? Ich auch nicht, aber in dem Moment konnte ich es irgendwie herbeizaubern. Weil es mir wichtig genug war. (Hinterher kam mir natuerlich der Gedanke, dass ich da auch jemanden haette mitnehmen koennen, aber in all dem Chaos hatte ich daran nicht gedacht. Die haetten ja auch den Mund aufmachen koennen. Wie soll ich denn von selber darauf kommen? Ich bin doch kein Wohltaetigkeitsverein, jessesgott, obwohl ich schon jemanden haette mitfahren lassen, wenn sie sich denn zu fragen getraut haetten und nicht nur mit offenem Mund gestaunt haetten.)
Sohn und ich auf Ruecksitz des Taxis. Ich "Also das war's jetzt. Wir ziehen aus dieser Stadt fort. Hier bleibe ich nicht mehr. Nein." (Sohn wirft mir heute vor, dass ich das nicht ernstgemeint haette. Aber wo soll ich denn gross hin?) Wir guckten aus dem Rueckfenster, und sahen kaum etwas. Weisse Wolken ueberall.
Nun denn. Die Fahr nach Hause ging sehr viel schneller, als die gegen den Strom.
Und am naechsten Morgen durfte ich das alles irgendeiner deutschen Zeitungstrulla erzaehlen. Ich hatte Vattern gesagt, was soll ich denn da gross berichten, ihr seht das ja auch alles im Fernsehen. Ja, aber er wollte doch einen Bericht aus erster Hand, von jemandem vor Ort. Verzweifelt. Es ging schliesslich um sein Ego. Der arme Teufel, der sich sonst fuer mich schaemt, war auf einmal auf mich angewiesen. Ach was.
Sohn hat mir erzaehlt (nein, er hatte das sogar alles im Detail seitenlang AUFGESCHRIEBEN, wir haben es immer noch), dass ein Flugzeug bedrohend tief ueber seinen Kopf flog bevor er in die Schule ging. Und ganz komisch laut klang. Und er dann einen lauten Knall gehoert haette. Und als er dann in der Schule war, haette man kundgegeben, dass gerade ein Flugzeug ins WTC geflogen waere. Und alle Schueler waeren rausgegangen auf so eine kleine Verkehrsinsel dort in der Naehe, und haetten Rauch und Flammen aus dem einen (dem ersten) Turm kommen sehen. Zu diesem Zeitpunkt dachte man noch, es waere ein Unfall gewesen. Sohn war mal wieder eine Stunde zu spaet in die Schule gekommen, sonst haette er das gar nicht ersterhand mitbekommen mit dem ersten Flugzeug kurz nach neun.
Was ich nicht ueberfallen am Telefon auf deutsch zustande gebracht habe, hier ist es jetzt also, ein bisschen verspaetet.
Der 27-Jaehrige Deutsche, der im gleichen Artikel vorkam, war wie gesagt noch sehr gewandt und selbstbewusst auf deutsch. Waehrend ich wie eine hysterische, beknackte Alte herueberkam. Aber das ist ja kein Wunder. Die Langzeiturlauber, die "mal ein paar Jahre im Big Aeppel arbeiten" sind ja nicht richtig gefaehrdet, werden niemals mit dem Big Aeppel Alltag konfrontiert in all seiner Gnadenlosigkeit. Fuer die ist der Langzeiturlaub im Big Aeppel ein einziges grosses ABENTEUER: Das Abenteuer des Big Aeppels, mit dem Sicherheitsnetz von daheim. Das Beste aus beiden Welten. So musss man's machen, und unterstuetzende Eltern muss man sich auch ausgesucht haben. Ich koennte kotzen. So viel kann man gar nicht fressen, wie ich kotzen koennte. Aber das alles ist ein anderes Thema. :/ Und wird hier in diesem Blog immer mal wieder.... hochkommen.:)
Nachtrag: Memories, memories... Ich hatte noch jahrelang Alptraeume von den Leuten, die aus den Fenstern sprangen/fielen. Das war fuer mich irgendwie das Schlimmste an der ganzen Sache. Und ist es immer noch. An dem entprechenden Morgen, bevor ich das TV anmachte, hatte ich gerade angefangen, ein Buch zu lesen, das ich jahrelang vorher schon mal gelesen hatte. Ein Roman von Susan Isaacs. Der Titel faellt mir gerade nicht ein. Am Anfang wurde berichtet, wie Leute in der "Great Depression" der 30er Jahre an der Wall Street sich aus den hohen Fenstern stuerzten. Hinterher dachte ich oft, wie komisch, dass sowas gerade im RL passiert war an der Wall Street bzw. ganz nahe dran. Und ich hatte keine Ahnung. Nicht bis 11:22 als ich den Fernseher einschaltete, und mich aergerte, dass ich die ersten 22 Minuten von "The Price is Right" schon versaeumt hatte. Ich konnte mich nicht entscheiden, ob ich lesen oder TV gucken wollte. Hatte an dem Tag Blau gemacht, und die Auswahlen an gemuetlich-Machen waren viele. Die Sonne schien so schoen durch das Fenster. Es war ein toller Morgen. Das Buch habe ich uebrigens nie mehr zu Ende gelesen. Und es irgendwann weggeschmissen. Mir wurde immer schlecht, wenn ich es herumliegen sah.
Schreibtischheldin speit Feuer. Jetzt mit Regenmotiv. Denn das Leben ist ein Traenenmeer. Mein Lebensmotto: ALSO DEN GANZEN TAG AM SCHREIBTISCH SITZEN, DAS KOENNTE ICH NICHT. DAFUER BIN ICH EIN VIEL ZU SENSIBLES, KREATIVES PFLAENZCHEN. DA WUERDE ICH EINGEHEN.
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Friday, October 7, 2011
Friday, September 23, 2011
9/12
Da ich jetzt schon seit fast zwei Wochen hier das - im Grund selbstzenzierte - Seelenstirptease mache, kommt es darauf auch nicht mehr an. Ich muss es mir einfach von der Seele schreiben.
Am 9/11 (also dem wirklichen, nicht dem 10. Jahrestag), durfte ich mir mal so richtig reinziehen, was fuer ein Arschloch mein Vater doch ist.
Ich um 11:22 den Fernseher angemacht (damals guckte ich noch Fernsehen), um mir eine Game Show anzugucken (an dem Tag hatte ich mich krankgemenldet und war zufaellig zu Hause deswegen). Da war aber keine Gameshow, sondern so ein Getruemmer und Gequatsche. Ich dachte, was ist denn das jetzt wieder fuer ein Scheiss, wen interessiert, was im Middle East oder irgendwo passiert ist. Dann sagte der Ansager "Der zweite Turm des World Trade Centers ist gerade eingestueruzt." Ich wurde stutzig, und fing an, aufzupassen. Schnell kapierte ich, was Sache war.
Innerhalb weniger Minuten rannte ich durch die Wohnung und schrie "Oh my God! Oh my God! Oh my God!"
Dabei dachte ich hauptsaechlich an Sohn, dessen Schule nur wenige Blocks von dem Ort entfernt war, der noch am selben Tag als "Ground Zero" bekannt wurde.
Ich rief dann dauernd in der Schule an (Handys waren noch nicht so verbreitet, Sohn hatte noch keins), und bekam immer nur ein Bestztzeichen. Zwischen meinen Anrufen klingelte das Telefon. Vattern. "Ach, wir haben gerade gehoert, was in New York passiert ist." Voll dramatisch bei "was" in Schluchzen ausbrechend.
Ich dachte nur - wenn ich das jetzt nicht gerade ein paar Minuten vorher im TV mitbekommen haette, haette ich gar nicht gewusst, wovon er so dramatisch daherlabert. Das war ganz knapp. Ob der sich wohl in seinem Dramaqueen Akt mal darum Gedanken gemacht hat? Wie es bei mir angekommen waere, so einen Anruf zu bekommen, und ich weiss gar nicht, wovon er redet? Nein. Vattern liebt Drama. Drama definiert sein ganzes Leben. Aus dem Bunker zurueckkommen, und das Haus ist flach, waehrend die Nachbarhaeuser auf beiden Seiten noch stehen? Nein, das soll ihm erst mal einer nachmachen. Andere Leute kennen ja keine Traumen. Und wenn, dann sind sie sowieso viel besser in einer Position, damit umzugehen, als er, der arme kleine Junge im Rentneralter inzwischen.
Als ich dann Sohn von der Schule abgeholt hatte im Taxi - gegen den Strom fahrend, und mit weisser Staubwolke auf dem Rueckweg im Hintergrund - hatte ich mir daheim ein paar Bierchen gegoennt. Unter den Umstaenden legitim, finde ich. Auch heute noch. Wuerde es wieder genauso machen.
Wir hatten den ganzen Scheiss den Tag und die Nacht ueber angesehen im TV, waehrend wir im RL den Geruch gerochen haben. Der sogar bis zum Norden Manhattan's vordrang, und noch weiter bis in die Bronx und darueber hinaus (laut spaeteren Aussagen von Leuten, die dort wohnen). Wie verbranntes, ranziges Plastik. Ich kann keine NY Bloggerin mehr ernst nehmen, solange sie sowas nicht aus erster Hand berichten kann. Tut mir leid. Um 5 Uhr morgens ging ich endlich ins Bett, total erledigt.
Ich war gerade am Einschlafen, da klingelte das Telefon. Sohn war noch auf und ging dran. Whatever, egal. Gute Nacht.
Bevor ich wusste, wie mir geschah, stand Sohn verzweifelt an meiner Schlafzimmertuer: Opa aus Deutschland ist am Telefon. Ich hab ihm gesagt, dass du im Bett bist. Er sagt immer, ich soll dich holen. Er sagt immer "It isss impooooohrtant, it isss impooooooohrtant!" "Sag ihm, dass ich schlafe, ich rufe ihn spaeter zurueck." Sohn kommt nach kurzem Gang ans Telefon zurueck: " Nein, er sagt immer "Get your mother out of bed. It eeeeeees impoooooooohrtant!" Aber ich will schlafen. Macht nix. Es ist 5 Unr morgens und ich bin gerade ins Bett nach einem langen traumatischen Tag. Aber Opa will, dass ich aufstehe. Opa sagt dauernd "it eeeeeeees impoooooohrtant!"
Also erloese ich Sohn und schleppe mich ans Telefon. Was kann denn Vattern, der mich sonst nicht mit dem Arsch anguckt, da auf einmal so "wichtig" sein, dass er sogar auf einmal gut genug (d)englisch kann, um seinen Enkel zu belaestigen? Mit dem er sonst noch nie ein Wort gewechselt hat. Jessesgott.
Vattern erzaehlt mir ganz aufgeregt, dass ich bis zwoelf Uhr an den Terroristenort gehen soll, und dann rechtzeitig wieder daheim sein soll, um einen Bericht abzugeben fuer eine Reporterin seiner Scheiss-Zeitung. Wie nahe man da wohl drankaeme, fragte er ganz aufgeregt. Ich: ??? "Da kommt man ueberhaupt nicht dran, da ist alles schon ab der 14 Strasse abgesperrt, und selbst wenn man es koennte, ich bin gerade eben erst ins Bett, bei uns ist es 5 Uhr morgens, und ich werde bestimmt nicht bis zwoelf da hin kommen und wieder zurueck, selbst wenn es nicht abgesperrt waere und die U-Bahnen fahren wuerd..."
Vattern: Also das sei jetzt meine einmalige Chance! Ich wollte doch immer Reporterin werden! (Ach was.) Ich koenne jetzt ersterhand aus dem Krisengebiet berichten bla bla bla. Ob ich da nicht doch irgendwie durch koennte? Direkt an die Stelle?
:/ :/ :/
Ich: " Da kann man aber nicht hin, ausserdem will ich schlafen, ich war die ganze Nacht auf. War ein bisschen aufregend, der Tag, ein bisschen anders als andere Tage."
Vattern: Das macht doch nichts. Reporter muessen immer und ueberall kurzfristig zur Stelle sein. (Hallo! Ich bin kein Reporter.) Dann - wenn ich nicht hin kann, wuerde mich seine Zeitungstrulla trotzdem anrufen so gegen zwoelf. Ich soll dann erster Hand berichten aus dem Big Aeppel, der grossen Tragoedie, bla bla bla. Vielleicht koennte dabei sogar Geld fuer mich herausspringen, die Zeitung wuerde mich bezahlen. Dass mir das egal ist, und ich nur schlafen will, blockt er ab.
Ich, in schwachem Zustand, vollkommen erledigt: "Wenn die mich anruft, kann die mich dann wenigstens auf englisch interviewen. Ich kann das alles nicht auf deutsch erklaeren, ich bin da nicht mehr so fluessig...." Vattern: Ja, ja, das wird die schon auf englisch machen.
Also schaele ich mich um 12 aus dem Bett. Puenktlich klingelt das Telefon. So eine deutsche Tulla ist dran, sie stellt sich vor, sie waere von der XY-Zeitung, ich haette mich bereiterklaert... bla bla bla. Ich soll doch mal berichten.
Ich, voellig uebernaechtigt und verkatert: "Ja, das war soundso, weisse Wolken bla bla bla. Ob sie mich bitte auf englisch verhoer.... aeh interviewen koennte, da mein deutsch inzwischen ein bisschen... na ja... (das war noch vor meier BriCom Zeit).
Sie, froehlich: "Oder vielleicht koennen wir's auch einfach auf deutsch machen!" (Danke, Vattern, fuer die Luege, dass ich das nicht auf deutsch machen muesse.)
Also... long story short ... ich habe auf holprigem deutsch ein total beknacktes Interview abgegeben. Aber die Zeitungsdame war sehr hilfreich: "WEISSE Wolken?! Sie meinen wohl GRAUE Wolken! Weiss koennen die ja nicht gewesen sein!! Wenn's brennt, macht's ja graue Wolken!" Na schoen. Ich habe nur noch zu allem "ja" gepiepst. Und an meinem eigenen Verstand gezweifelt. Wenn die sagt, die Wolken waren grau, wird's schon stimmen. Auch wenn ich weiss, dass sie weiss waren. (Weisser Staub von dem Kalk usw.) Aber was weiss ich schon. Ich war ja nicht dabei. :/
Fast forward: Ein paar Tage danach ruft mich Vattern wieder an. Er ist ganz aufgeregt: Der Artikel ist in der Zeitung! Mit meinen (???) Zitaten! (Oh Gottogott.) Er hat die Zeitung auf der entsprechenden Seite WIE ZUFAELLIG (Mensch, ist der gewitzt) auf dem Tisch liegen lassen, als mein Onkel vorbeikam. Und mein Onkel haette gesagt: "HUCH, weisst du eigentlich, dass DEINE TOCHTER da in der Zeitung steht!" Und Vattern haette ganz stolz und beilaeufig gesagt: "Ja, was denkst du denn, wer das VERANLASST hat?!" (Du SPITZBUBE, du.) Tja. Das war sein grosser Auftritt. Es geht immer nur um ihn.
Kurz danach hat er mir den Artikel geschickt. Ich habe ihn gelesen, und mich in dem Moment in den Tod gewuenscht: "Die 42-Jaehrige, immer noch aufgeregt..."
Ich war nicht "immer noch aufgeregt" gewesen. Ich war vollkommen uebernaechtigt und genervt, und gezwungen gewesen, mich auf einer Sprache zu artikulieren, die mir zu dem Zeitpunkt nicht mehr gelaeufig war. Und darueber angelogen worden von Vattern, dass ich das Interview auf englisch machen koennte. Alle meine Zitate hoerten sich total beknackt an. Ich hasste diesen Artikel und hatte ihn umgehend in den Muell entsorgt. Ich haette Vattern ermorden koennen, mir das anzutun, nur damit er sich vor seinem Bruder und weiss der Teufel wem, wichtig machen konnte.
Zu allem Ueberfluss war im selben Artikel auch noch ein anderer "Deutscher' in NY interviewed worden: Ein 27-jaehriger Mann (Marke Langzeiturlauber), der sich vollkommen gut auf deutsch artikuliert hatte. Neben dem kam ich wie eine Beknackte herueber.
Ich habe Vattern nie verziehen, dass er mir das angetan hat. 10 Jahre? Mein Sohn hat auf dem Weg zur Schule das erste Flugzeug gesehen, als es bedrohlich tief flug. Direkt ueber seinen Kopf.
9/11
Die wahre Terroristen Attacke kam fuer mich erst am naechsten Tag. Kein mitteloestlicher Terrorist kann so terrorisieren, wie Vattern. Der seine uebernaechtigte Tochter an einen ganz gefaehrlichen Ort schicken wuerde, bloss um sein Ego zu streicheln. Das werde ich nie vergessen und nie verzeiehen. Sorry.
PS. Sohn hat damals auch erkannt, wie sein Grossvater wirklich drauf ist. Jedesmal, wenn ich sage, dass irgendetwas wichtig ist, aefft er meinen Vater von dem Anruf damals nach: "It eeeeeees impoooooooooohrtant!" Und wir lachen uns zusammen schlapp. Galgenhumor halt.
Nachtrag: Ich trete mir schon seit 10 Jahren in den Arsch, dass ich mich dermassen habe ueberrumpeln lassen und das Affentheater ueberhaupt mitgemacht habe. Heute wuerde ich Vattern was husten.
Am 9/11 (also dem wirklichen, nicht dem 10. Jahrestag), durfte ich mir mal so richtig reinziehen, was fuer ein Arschloch mein Vater doch ist.
Ich um 11:22 den Fernseher angemacht (damals guckte ich noch Fernsehen), um mir eine Game Show anzugucken (an dem Tag hatte ich mich krankgemenldet und war zufaellig zu Hause deswegen). Da war aber keine Gameshow, sondern so ein Getruemmer und Gequatsche. Ich dachte, was ist denn das jetzt wieder fuer ein Scheiss, wen interessiert, was im Middle East oder irgendwo passiert ist. Dann sagte der Ansager "Der zweite Turm des World Trade Centers ist gerade eingestueruzt." Ich wurde stutzig, und fing an, aufzupassen. Schnell kapierte ich, was Sache war.
Innerhalb weniger Minuten rannte ich durch die Wohnung und schrie "Oh my God! Oh my God! Oh my God!"
Dabei dachte ich hauptsaechlich an Sohn, dessen Schule nur wenige Blocks von dem Ort entfernt war, der noch am selben Tag als "Ground Zero" bekannt wurde.
Ich rief dann dauernd in der Schule an (Handys waren noch nicht so verbreitet, Sohn hatte noch keins), und bekam immer nur ein Bestztzeichen. Zwischen meinen Anrufen klingelte das Telefon. Vattern. "Ach, wir haben gerade gehoert, was in New York passiert ist." Voll dramatisch bei "was" in Schluchzen ausbrechend.
Ich dachte nur - wenn ich das jetzt nicht gerade ein paar Minuten vorher im TV mitbekommen haette, haette ich gar nicht gewusst, wovon er so dramatisch daherlabert. Das war ganz knapp. Ob der sich wohl in seinem Dramaqueen Akt mal darum Gedanken gemacht hat? Wie es bei mir angekommen waere, so einen Anruf zu bekommen, und ich weiss gar nicht, wovon er redet? Nein. Vattern liebt Drama. Drama definiert sein ganzes Leben. Aus dem Bunker zurueckkommen, und das Haus ist flach, waehrend die Nachbarhaeuser auf beiden Seiten noch stehen? Nein, das soll ihm erst mal einer nachmachen. Andere Leute kennen ja keine Traumen. Und wenn, dann sind sie sowieso viel besser in einer Position, damit umzugehen, als er, der arme kleine Junge im Rentneralter inzwischen.
Als ich dann Sohn von der Schule abgeholt hatte im Taxi - gegen den Strom fahrend, und mit weisser Staubwolke auf dem Rueckweg im Hintergrund - hatte ich mir daheim ein paar Bierchen gegoennt. Unter den Umstaenden legitim, finde ich. Auch heute noch. Wuerde es wieder genauso machen.
Wir hatten den ganzen Scheiss den Tag und die Nacht ueber angesehen im TV, waehrend wir im RL den Geruch gerochen haben. Der sogar bis zum Norden Manhattan's vordrang, und noch weiter bis in die Bronx und darueber hinaus (laut spaeteren Aussagen von Leuten, die dort wohnen). Wie verbranntes, ranziges Plastik. Ich kann keine NY Bloggerin mehr ernst nehmen, solange sie sowas nicht aus erster Hand berichten kann. Tut mir leid. Um 5 Uhr morgens ging ich endlich ins Bett, total erledigt.
Ich war gerade am Einschlafen, da klingelte das Telefon. Sohn war noch auf und ging dran. Whatever, egal. Gute Nacht.
Bevor ich wusste, wie mir geschah, stand Sohn verzweifelt an meiner Schlafzimmertuer: Opa aus Deutschland ist am Telefon. Ich hab ihm gesagt, dass du im Bett bist. Er sagt immer, ich soll dich holen. Er sagt immer "It isss impooooohrtant, it isss impooooooohrtant!" "Sag ihm, dass ich schlafe, ich rufe ihn spaeter zurueck." Sohn kommt nach kurzem Gang ans Telefon zurueck: " Nein, er sagt immer "Get your mother out of bed. It eeeeeees impoooooooohrtant!" Aber ich will schlafen. Macht nix. Es ist 5 Unr morgens und ich bin gerade ins Bett nach einem langen traumatischen Tag. Aber Opa will, dass ich aufstehe. Opa sagt dauernd "it eeeeeeees impoooooohrtant!"
Also erloese ich Sohn und schleppe mich ans Telefon. Was kann denn Vattern, der mich sonst nicht mit dem Arsch anguckt, da auf einmal so "wichtig" sein, dass er sogar auf einmal gut genug (d)englisch kann, um seinen Enkel zu belaestigen? Mit dem er sonst noch nie ein Wort gewechselt hat. Jessesgott.
Vattern erzaehlt mir ganz aufgeregt, dass ich bis zwoelf Uhr an den Terroristenort gehen soll, und dann rechtzeitig wieder daheim sein soll, um einen Bericht abzugeben fuer eine Reporterin seiner Scheiss-Zeitung. Wie nahe man da wohl drankaeme, fragte er ganz aufgeregt. Ich: ??? "Da kommt man ueberhaupt nicht dran, da ist alles schon ab der 14 Strasse abgesperrt, und selbst wenn man es koennte, ich bin gerade eben erst ins Bett, bei uns ist es 5 Uhr morgens, und ich werde bestimmt nicht bis zwoelf da hin kommen und wieder zurueck, selbst wenn es nicht abgesperrt waere und die U-Bahnen fahren wuerd..."
Vattern: Also das sei jetzt meine einmalige Chance! Ich wollte doch immer Reporterin werden! (Ach was.) Ich koenne jetzt ersterhand aus dem Krisengebiet berichten bla bla bla. Ob ich da nicht doch irgendwie durch koennte? Direkt an die Stelle?
:/ :/ :/
Ich: " Da kann man aber nicht hin, ausserdem will ich schlafen, ich war die ganze Nacht auf. War ein bisschen aufregend, der Tag, ein bisschen anders als andere Tage."
Vattern: Das macht doch nichts. Reporter muessen immer und ueberall kurzfristig zur Stelle sein. (Hallo! Ich bin kein Reporter.) Dann - wenn ich nicht hin kann, wuerde mich seine Zeitungstrulla trotzdem anrufen so gegen zwoelf. Ich soll dann erster Hand berichten aus dem Big Aeppel, der grossen Tragoedie, bla bla bla. Vielleicht koennte dabei sogar Geld fuer mich herausspringen, die Zeitung wuerde mich bezahlen. Dass mir das egal ist, und ich nur schlafen will, blockt er ab.
Ich, in schwachem Zustand, vollkommen erledigt: "Wenn die mich anruft, kann die mich dann wenigstens auf englisch interviewen. Ich kann das alles nicht auf deutsch erklaeren, ich bin da nicht mehr so fluessig...." Vattern: Ja, ja, das wird die schon auf englisch machen.
Also schaele ich mich um 12 aus dem Bett. Puenktlich klingelt das Telefon. So eine deutsche Tulla ist dran, sie stellt sich vor, sie waere von der XY-Zeitung, ich haette mich bereiterklaert... bla bla bla. Ich soll doch mal berichten.
Ich, voellig uebernaechtigt und verkatert: "Ja, das war soundso, weisse Wolken bla bla bla. Ob sie mich bitte auf englisch verhoer.... aeh interviewen koennte, da mein deutsch inzwischen ein bisschen... na ja... (das war noch vor meier BriCom Zeit).
Sie, froehlich: "Oder vielleicht koennen wir's auch einfach auf deutsch machen!" (Danke, Vattern, fuer die Luege, dass ich das nicht auf deutsch machen muesse.)
Also... long story short ... ich habe auf holprigem deutsch ein total beknacktes Interview abgegeben. Aber die Zeitungsdame war sehr hilfreich: "WEISSE Wolken?! Sie meinen wohl GRAUE Wolken! Weiss koennen die ja nicht gewesen sein!! Wenn's brennt, macht's ja graue Wolken!" Na schoen. Ich habe nur noch zu allem "ja" gepiepst. Und an meinem eigenen Verstand gezweifelt. Wenn die sagt, die Wolken waren grau, wird's schon stimmen. Auch wenn ich weiss, dass sie weiss waren. (Weisser Staub von dem Kalk usw.) Aber was weiss ich schon. Ich war ja nicht dabei. :/
Fast forward: Ein paar Tage danach ruft mich Vattern wieder an. Er ist ganz aufgeregt: Der Artikel ist in der Zeitung! Mit meinen (???) Zitaten! (Oh Gottogott.) Er hat die Zeitung auf der entsprechenden Seite WIE ZUFAELLIG (Mensch, ist der gewitzt) auf dem Tisch liegen lassen, als mein Onkel vorbeikam. Und mein Onkel haette gesagt: "HUCH, weisst du eigentlich, dass DEINE TOCHTER da in der Zeitung steht!" Und Vattern haette ganz stolz und beilaeufig gesagt: "Ja, was denkst du denn, wer das VERANLASST hat?!" (Du SPITZBUBE, du.) Tja. Das war sein grosser Auftritt. Es geht immer nur um ihn.
Kurz danach hat er mir den Artikel geschickt. Ich habe ihn gelesen, und mich in dem Moment in den Tod gewuenscht: "Die 42-Jaehrige, immer noch aufgeregt..."
Ich war nicht "immer noch aufgeregt" gewesen. Ich war vollkommen uebernaechtigt und genervt, und gezwungen gewesen, mich auf einer Sprache zu artikulieren, die mir zu dem Zeitpunkt nicht mehr gelaeufig war. Und darueber angelogen worden von Vattern, dass ich das Interview auf englisch machen koennte. Alle meine Zitate hoerten sich total beknackt an. Ich hasste diesen Artikel und hatte ihn umgehend in den Muell entsorgt. Ich haette Vattern ermorden koennen, mir das anzutun, nur damit er sich vor seinem Bruder und weiss der Teufel wem, wichtig machen konnte.
Zu allem Ueberfluss war im selben Artikel auch noch ein anderer "Deutscher' in NY interviewed worden: Ein 27-jaehriger Mann (Marke Langzeiturlauber), der sich vollkommen gut auf deutsch artikuliert hatte. Neben dem kam ich wie eine Beknackte herueber.
Ich habe Vattern nie verziehen, dass er mir das angetan hat. 10 Jahre? Mein Sohn hat auf dem Weg zur Schule das erste Flugzeug gesehen, als es bedrohlich tief flug. Direkt ueber seinen Kopf.
9/11
Die wahre Terroristen Attacke kam fuer mich erst am naechsten Tag. Kein mitteloestlicher Terrorist kann so terrorisieren, wie Vattern. Der seine uebernaechtigte Tochter an einen ganz gefaehrlichen Ort schicken wuerde, bloss um sein Ego zu streicheln. Das werde ich nie vergessen und nie verzeiehen. Sorry.
PS. Sohn hat damals auch erkannt, wie sein Grossvater wirklich drauf ist. Jedesmal, wenn ich sage, dass irgendetwas wichtig ist, aefft er meinen Vater von dem Anruf damals nach: "It eeeeeees impoooooooooohrtant!" Und wir lachen uns zusammen schlapp. Galgenhumor halt.
Nachtrag: Ich trete mir schon seit 10 Jahren in den Arsch, dass ich mich dermassen habe ueberrumpeln lassen und das Affentheater ueberhaupt mitgemacht habe. Heute wuerde ich Vattern was husten.
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